Institut für Religionspädagogik und Medienarbeit

„Büchereiarbeit ist ständige Bewegung“

Die ehrenamtlichen KÖB-Leiterinnen (v.l.) Pia Krell, Linda Dülme und Stephanie Führer waren drei von 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern beim Diözesantag der Büchereien im Erzbistum Paderborn.pdp / Dr. Claudia Nieser Paderborn, 11. Mai 2019 (pdp). Linda Dülme, Stephanie Führer und Pia Krell sind Leiterinnen von Katholischen Öffentlichen Büchereien (KÖBs) im Erzbistum Paderborn im Ehrenamt. Sie sind drei von insgesamt 200 ehrenamtlichen Büchereimitarbeiterinnen und -mitarbeitern, die am Samstag zum Diözesantag der Büchereien nach Paderborn kamen. Das Thema des Tages lautete: „Den Wandel wagen.“ In Workshops, einem Festvortrag und einem Gottesdienst ging es um die Frage, was die gesellschaftlichen und kirchlichen Umbrüche für die Büchereien bedeuten und welche Chancen und Herausforderungen für sie darin stecken. Für Linda Dülme, Stephanie Führer und Pia Krell gehört ständiger Wandel zu ihrer Arbeit dazu: „Büchereiarbeit ist ständige Bewegung“, stellten sie fest. „Wichtig ist, auf Menschen zuzugehen, Werbung zu machen und neues auszuprobieren.“ Dass die Katholischen Büchereien inzwischen allen Menschen offen stehen, egal, welchen Glaubens und Weltanschauung, versteht sich da von selbst – nicht nur bei den drei Leiterinnen.

(v.l.) Erzbischof Hans-Josef Becker (vorne, 3.v.r.) und Dompropst Joachim Göbel, Präses der Büchereien, (vorne, 2.v.r.) zählten zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Diözesantages.pdp / Dr. Claudia Nieser Insgesamt zehn Workshops boten beim Diözesantag die Möglichkeit, neue Methoden und Ideen der Büchereiarbeit kennenzulernen. Themen waren unter anderem digitale Leseförderangebote, neue Gesellschaftsspiele oder ganz praktische Vorlese-Übungen. Linda Dülme, Stephanie Führer und Pia Krell entschieden sich alle für den gleichen Workshop. Das Angebot „Erzähl‘ doch mal von früher – Das Erzählcafé als gemeinschaftsstiftende Veranstaltung“ weckte das Interesse der drei Frauen. Das Erzählcafé ist eine in der Seniorenarbeit eingesetzte Methode, die ältere Menschen zur Auseinandersetzung mit ihrer Biografie anregen möchte.

Der Grund für die Entscheidung zu dem Workshop war bei den dreien jedoch unterschiedlich: „Ich habe noch nie etwas von dieser Methode gehört und möchte gerne mehr darüber erfahren“, so Pia Krell. „Ich mache derzeit vor allem Angebote für Kinder, aber es sind ja vielleicht auch andere Angebote sinnvoll.“ Linda Dülme hatte einen ganz konkreten Grund: „In der Nähe unserer KÖB entsteht gerade ein Zentrum für betreutes Wohnen, wo dann bald Senioren leben“, erzählt sie. „Vielleicht haben wir dann sogar die Möglichkeit, das Angebot gemeinsam mit Kindern zu machen, also die Generationen zusammenzubringen?“ Stephanie Führer hat dagegen schon Erfahrungen in der Seniorenarbeit: „Wir gehen mit dem Angebot „Besuch mit Buch“ in ein Altenzentrum, dort arbeiten wir dann mit Menschen mit beginnender Demenz. Ich hoffe, dass wir mit dem „Erzählcafé“ noch weitere Zielgruppen erreichen, die noch etwas fitter sind.“

Uta Keite, Geschäftsführerin der Bücherhallen Medienprojekte in Hamburg, regte in ihrem Festvortrag dazu an, bei der Entwicklung neuer Angebote gesellschaftliche Trends zu berücksichtigen.pdp / Dr. Claudia Nieser In einem Festvortrag in der Kaiserpfalz gab Uta Keite, Geschäftsführerin der Bücherhallen Medienprojekte in Hamburg, zusätzliche Impulse. Die Büchereifachfrau ermutigte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu, sich im Sinne des Zukunftsbildes als pastoraler Ort in ihrer Pfarrei zu verstehen und damit als Gemeinde, die für alle offen sei. Keite würdigte die ehrenamtlichen Bücherei-Mitarbeiterinnen als engagiert, zuverlässig und empathisch. Mit ihren niedrigschwelligen Angeboten seien sie gerade auch für Kinder und Jugendliche interessant. Sie regte außerdem dazu an, bei der Entwicklung neuer Angebote gesellschaftliche Trends im Auge zu haben. Dazu zählte sie die wachsende Zahl von Menschen im Seniorenalter, die wachsende Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund oder die Tatsache, dass in Deutschland die soziale Herkunft bei den Bildungschancen immer noch eine viel zu große Rolle spiele.

„Wir bräuchten öfter solche Foren, allein, damit wir uns untereinander auszutauschen können“, sind sich Linda Dülme, Stephanie Führer und Pia Krell einig. „Wir können voneinander viel lernen.“ Viel Lob gab es von den dreien für die Büchereifachstelle des Erzbistums Paderborn unter der Leitung von Elisabeth Lappe-Oeynhausen, die den Diözesantag organisiert hatte. „Das ist für uns alle ganz wichtige Anlaufstelle für alle Fragen. Und wir bekommen von dort sehr viel Motivation.“

Erzbischof Hans-Josef Becker (3.v.r.) und Dompropst Joachim Göbel, Präses der Büchereien, feierten zu Beginn des Diözesantages einen Gottesdienst im Hohen Dom.pdp / Dr. Claudia Nieser Ermutigung und Dank für den Einsatz „rund um das Wort, das Buch, den Film und überhaupt die Medien“ sprach Erzbischof Hans-Josef Becker allen KÖB-Mitarbeiterinnen im Gottesdienst zu Beginn des Diözesantages aus, den er zusammen mit Dompropst Joachim Göbel, Präses der katholischen Büchereien im Erzbistum, im Hohen Dom feierte. In seiner Predigt berichtete er davon, als Kind mit der Taschenlampe unter der Bettdecke oft bis tief in die Nacht hinein gelesen zu haben. Bücher und literarische Texte hätten immer eine große Rolle für ihn gespielt. Der Erzbischof betonte die Bedeutung von Büchern gerade für Kinder und Jugendliche. Mit einem Zitat von Erhart Kästner nannte er Leseerfahrungen „Bausteine aus einem Baukasten, mit dem man sein Leben lang baut“. Bei allen Veränderungen gerade im Bereich der Medien gelte eins nach wie vor: „Zu allen Zeiten brauchten Menschen gute Geschichten und Gedanken. Wer liest, denkt und lernt selber zu denken, lernt die Welt und die Menschen besser kennen, kann Erfahrungen machen, die ihm helfen, besser zu leben, zu glauben, zu lieben und zu hoffen“, so der Erzbischof.

Engagement mit Herzblut – Drei KÖB-Leiterinnen erzählen von ihrer Arbeit

Pia Krell, Leiterin der KÖB Namen Jesu in Netphen-Dreis-Tiefenbach

Pia Krellpdp / Dr. Claudia Nieser Pia Krell ist seit 1980 Mitarbeiterin in einer KÖB, seit neun Jahren hat sie die Leitung. Ihr ehrenamtlich geleistetes Engagement ist schwer zu beziffern: „Manchmal sind es sechs Stunden pro Woche, manchmal können es auch vierzig Stunden sein.“ Die hohe Stundenzahl kommt vor allem dann zusammen, wenn sie Leseförderkurse für Kindergarten- oder Grundschulkinder leitet. Den Kontakt mit Menschen mag sie an ihrer Arbeit besonders, und auch, wenn es ihr gelingt, bei Kindern Begeisterung für das Lesen zu wecken. „Bei uns gibt es auch soziale Brennpunkte, und es gibt Kinder, die zu Hause keine Bücher haben“, erzählt sie. „Wenn bei diesen Kindern etwas hängen bleibt, freue ich mich besonders.“ Die Nutzergruppen der Bücherei haben sich in den letzten Jahren stark verändert: „Zu uns kommen inzwischen auch viele evangelische und muslimische Menschen, nach der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 haben wir viele mehrsprachige Bücher angeschafft“. Für die Zukunft wünscht sie sich die bleibende Unterstützung ihrer Arbeit von Seiten des Erzbistums Paderborn und dabei besonders von der Büchereifachstelle. Und dass sie auch weiterhin Anerkennung für ihre Arbeit bekommt, doch daran zweifelt sie eigentlich nicht: „Wenn man auf Menschen zugeht, kommt auch etwas zurück.“

Linda Dülme, Leiterin der KÖB St. Joseph in Paderborn-Marienloh

Linda Dülmepdp / Dr. Claudia Nieser Linda Dülme arbeitet seit sechs Jahren in einer KÖB mit, seit einem Jahr hat sie die Leitung. „Eigentlich bin ich immer im Dienst“, beschreibt sie ihr ehrenamtliches Engagement. „Wenn ich in der Zeitung zum Beispiel eine Buchkritik lese, überlege ich, ob das etwas für uns sein könnte.“ Möglich ist die Arbeit aber nur zusammen mit ihrem Team, von dem sie in höchsten Tönen schwärmt: „Die Zusammenarbeit ist sensationell. Als gerade erst gestern eine Mitarbeiterin ausgefallen ist, weil sie mit ihrem Kind zum Arzt musste, hat sich innerhalb von zehn Minuten eine Vertretung gefunden.“ Neben der Arbeit im Team bereitet ihr die Arbeit mit Kindern große Freude: „Wenn man merkt, wie die Kinder die Begeisterung für das Lesen packt, das ist toll“, stellt sie fest. Wichtig ist ihr, dass man in der Büchereiarbeit nicht stehen bleiben kann: „Man muss auf die Leute zugehen, muss Werbung machen, zum Beispiel in Kindertageseinrichtungen und Schulen“ sagt sie. „Man kann nicht dasitzen und warten, bis jemand kommt.“ Für die Zukunft wünscht sie sich, dass die Wichtigkeit der Büchereien in den Pfarreien überall ankommt: „Für Außenstehende ist die Hemmschwelle, in eine Bücherei zu gehen, geringer, als in einen Gemeindesaal zu gehen“, erläutert sie. „Büchereien sind das offene Tor zur Gemeinde.“

Stephanie Führer, Leiterin KÖB Herz Jesu in Iserlohn-Letmathe-Grüne
Stephanie Führerpdp / Dr. Claudia Nieser Stephanie Führer ist seit Herbst 2016 in der Büchereiarbeit dabei. Damals stand die Frage im Raum, ob die KÖB geschlossen wird, es fiel dann aber der Beschluss, sie weiterzuführen. „Inzwischen ist die Büchereiarbeit mein größtes Hobby geworden“, sagt sie. Stephanie Führer ist Rentnerin, sie kann sich ihre Zeit frei einteilen. Der Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gefällt ihr an ihrer Arbeit besonders: „Wir sind für alle offen, ich begegne bei meiner Arbeit Menschen mit unterschiedlicher Bildung, mit unterschiedlichem Glauben.“ Und ihr gefällt, dass man immer wieder etwas Neues ausprobieren kann: „Das ist dann zwar viel Arbeit, aber das ist es wert.“ Gerade jetzt treibt sie die Idee um, einmal einen Literaturgottesdienst zu organisieren – hier hofft sie auf die Unterstützung des Pastoralverbundes. Das Engagement in den Katholischen Öffentlichen Büchereien ist für sie ein gutes Beispiel für die Kraft des Ehrenamtes: „Wir zeigen, was man gesellschaftlich alles bewegen kann.“

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